Ein vergifteter, linker Glückwunsch an Milton Friedman wurde schon 2012 auf Salon veröffentlich. Und er lässt Tief blicken.

Eigentlich macht dieser Artikel klar, worum es Linken wirklich geht, nämlich Zentralverwaltungswirtschaft, nicht bloß Umverteilung.

The only exception to the perfect record of failure of Milton Friedman’s policy proposals is the Affordable Care Act of 2009 — “Obamacare.” In essence, the individual mandate portion of ACA is a version of Milton Friedman’s proposal, backed by the Reagan administration in the 1980s, to force Americans to buy catastrophic health insurance.

[…]

Although Friedman’s alternative to the modern welfare state has not met the test of public approval and legislative enactment, the late economist unwittingly performed an invaluable service to the center and the left. He accepted the legitimacy of public sector guarantees of minimal income for the poor, universal access to education and universal access to adequate healthcare and retirement income security.

Milton Friedman took for granted the legitimacy of the welfare state, in both of its forms — means-tested public assistance for the poor and universal, middle-class social insurance. He believed it was utopian for his fellow libertarians to propose abolishing public assistance and middle-class social insurance programs outright. That is why he proposed the negative income tax, as a substitute for other means-tested programs for the poor. And it is why he proposed voucherizing universal, middle-class social insurance programs like Social Security and Medicare, along with public K-12 education.

While those who receive the voucher may have a choice among vouchers, every other aspect of a voucher program is “big government” in its purest form.

Friedman erkannte das Bedürfnis für Umverteilung an. Das kann man als „big goverment“ bezeichnen. Aber er wollte keine Staatsmonopolisten für Bildung, Gesundheit u.s.w.
Er wollte die Zentralverwaltungswirtschaft möglichst stark eindämmen. Jeder sollte genug zum Leben haben, wofür er eine negative Einkommenssteuer vorsah. Möglichst unbürokratisch. Entsprechend wird die Idee im „progressiven“ Artikel lächerlich gemacht. Wenn es nicht anders ging, dann sollte die Regierung mit Gutscheinen jedem ein Mindestbudget für Bildung und eine verpflichtende Gesundheitsversicherung besorgen. Also Umverteilen und in einem gewissen Rahmen auch dieses Mindestbudget zentral festlegen. Aber die Regierung sollte sich möglichst zurück halten. Milton Friedman wollte also nicht unbedingt weniger Umverteilen als heute, aber mit möglichst wenig Zentralverwaltungswirtschaft.

Entsprechend fährt der Artikel fort:

The government raises the taxes to pay for the program and redistributes the money on the basis of need. The government, not the market, determines the amount of the voucher. The government, not the individual, determines the purposes for which the voucher can be spent. And the government certifies only certain providers as eligible for receiving the tax-based voucher money. With good reason, more principled libertarians object to voucher schemes as “voucher socialism.”

Aber auch aus „fortschrittlicher“ (was für eine arrogante Selbstbeschreibung der „Progressiven“) Sicht ist das nicht genug – nicht genug Staat, nicht genug Regierung. Denn es fehlt das Lieblingsinstrument jedes fortschrittlichen Utopieplaners: Die absolut zentral verwaltete „Regierungsdienstleistung“. Und so behauptet der Autor:

Voucher schemes do not replace “bureaucracy” with “markets.” They merely replace a single public provider — a public K-12 system, say — with a handful of government contractors in a phony, rigged market created by government.

Doch der letzte Teil stimmt nicht. Man benötigt lediglich die gleichen Instrumente als Rahmenbedingungen wie in jedem Markt: Betrug und unlauterer Wettbewerb muss verfolgt werden. Wer betrügt und nicht die versprochene Gegenleistung liefert, sondern viel Geld ohne die versprochene Gegenleistung beiseite schaffen will, der muss zivil- und strafrechtlich verfolgt werden. Es kann bessere und schlechtere Angebot geben, aber ein Bildungsanbieter, der die versprochene Gegenleistung nicht erbringt, mit dem muss lediglich genauso verfahren werden, wie mit jedem anderen Anbieter auf anderen Märkten auch, der Angebot falsch deklariert – und man benötigt auch nur das dazu bereits bestehende Instrumentarium – Kartellamt, Aufsichtsbehörde, zivile Klagemöglichkeit (in unserem Fall auch durch den Staat als Gutscheinverteiler, aber auch wie in anderen Fällen ebenfalls durch private Verbraucherverbände) und die Staatsanwaltschaft.

The ultra-libertarians are right. Milton Friedman engaged in unilateral intellectual surrender to the supporters of a large, generous modern welfare state. He accepted the legitimacy of a welfare state in principle, and merely sought to substitute other government programs, with limited choice among certified government contractors, for existing government monopolies. His schemes have all been so unpopular that they have never been tried on a large scale, with the sole exception of the individual mandate part of the Affordable Care Act, which is likely to fail in practice.

Nur das in der Schweiz und den Niederlanden das wunderbar läuft – es stimmt lediglich, das Obamas Gesetz im Vergleich zu beispielsweise dem schweizerischen Gegenstück deutlich komplizierter und länger ist und nicht jedem eine Krankenversicherung garantiert ist, nur den meisten (im komplizierten System Obamas gibt es noch Lücken in bestimmten Spezialfällen). Das liegt aber zum Teil auch an dem schon vorher bestehenden Wirwarr im amerikanischen Gesundheitssystem. Da wäre ein Kahlschlag und komplettes Neuaufsetzen sinnvoller gewesen.

Aber das will ein „Progressiver“ natürlich nicht:

Milton Friedman’s unintended service to supporters of modern government did not end with his acceptance of the legitimacy of the welfare state. Friedman also proposed the most thoughtful alternatives to the modern welfare state that anybody on the right has ever come up with or is likely to come up with in the future. This was a useful intellectual and political exercise. The fact that the alternative welfare state has been rejected by the public, and probably would not work even if it were tried,[b] greatly strengthens the case for modifying the inherited welfare system[/b], rather than scrapping it entirely for a radically different design.

(Herrvorhebung von mir)

Aber es geht noch weiter. Milton Friedman hat sich nämlich auch dazu Gedanken gemacht, wie man einerseits Konsum besteuern könnte, das aber „sozial gerechter“ gestalten könnte als eine Mehrwertssteuer. Denn letztere belaste kleinere Einkommen überproportional im Vergleich zu einkommensstarken Haushalten, da sie einen höheren Anteil des Einkommens konsumieren. Friedman wollte also die Vorteile Konsumbesteuerung mit einer progressiven Besteuerung verbinden und entwickelte das Konzept der „progressiven Konsumbesteuerung“. Und was denkt der Progressive darüber? Er lehnt es ab:

[quote]
Many economists across the political spectrum have supported a progressive consumption tax. But in the only two countries in which it was tried, in India and Sri Lanka, tax revolts quickly led to its abolition. Governments prefer indirect consumption taxes like sales taxes, which, unlike a progressive consumption tax, are not collected all at once, and are therefore less likely to create “sticker shock” among taxpayers once a year.[/quote]

Die Steuerlast also schön in kleinen Häppchen servieren, damit der Frosch nicht aus dem langsam wärmer werdenden Wasser heraus hüpft. Natürlich könnte man eine „progressive consumption tax“ ähnlich wie die Einkommenssteuer schon heute organisieren – nur das Investitionen vom zu versteuernden Einkommen abgezogen würden (dafür verkaufte Investitonsgüter erst einmal als Einkommen gelten, außer das Investitionsgut wurde vor Einführung der progressiven Konsumsteuer erworben, dann nur die Wertsteigerung). Das Indien und Sri Lanke das nicht auf die Reihe bekommen haben ist da kein Gegenargument.

Auch ein Gesundheitssystem nach dem Vorbild Skandinaviens lässt sich schlecht Umsatzen, dazu muss man nur ins Vereinigte Königreich blicken. Alles lässt sich schlecht umsetzen, aber nicht alles kann funktionierend umgesetzt werden.

Natürlich ist auch amerikanischen Progressiven klar, das übermäßige Besteuerung von Einkommen, die zu einem großen Teil in Investitionen fließen, keine nachhaltige Quelle eines Wohlfartsstaates sind. Was also fordert der Autor des vergifteten Lobs an Milton Friedman? Eine klassische Mehrwertssteuer:

[quote]All developed countries other than the U.S. use a value-added tax, which has the merits of a sales tax (it is indirect) while avoiding its defects (cascading taxes). A value-added tax with a rebate to make it less regressive is the functional equivalent of Milton Friedman’s progressive consumption tax. The conservatives who denounce proposals for a VAT in the U.S. logically should also denounce the progressive consumption tax supported by Friedman. And progressives who propose to reduce long-term deficits and finance an expansion of necessary government services in part with a federal VAT, as the social democracies of Northern Europe do
[/quote]

Und wen trifft die am meisten? Klar, diejenigen, denen dann mit „means-tested public assistance for the poor“ die Kaufkraft dann wieder zurückverteilt werden muss, aber auch die ebenfalls bedeutende Teile ihres Einkommens konsumierende Mittelschicht, der dann mit „universal, middle-class social insurance“ das Geld wieder zufliesst…

Der Artikel schließt:
[quote]
Happy birthday, Professor Friedman. You didn’t know it, but you were inadvertently helping to make the case for the modern welfare state all along.[/quote]

Ich schließe mit folgendem: Es ist schade, dass sich Tote nicht mehr wehren können. Aber ich danke für den erhellenden Artikel in Salon, der den Kern linken Denkens offenbart: Die zentrale Verwaltung durch eine Regierung, am besten noch eine möglichst hohe Ebene, am besten die höchste (Bund, EU, etc…) ist der eigentliche Kern des linken Weltbildes. Nicht Umverteilung, nicht eine angeblich gerechtere Verteilung des Einkommens oder des Vermögens. Zentralverwaltungswirtschaft und Umverteilung lassen sich zwar nicht komplett, aber doch sehr stark trennen – nur wollen das Linke nicht.