Auf der Achse des Guten schreibt Cora Stephan in ihrem Artikel „Prunk, Protz, Pranger“ über die aktuelle, nicht gerade intelektuelle Medienkampagne:

In Sachen Bischof von Limburg hat der Protestantismus gesiegt oder das Proletariat. Passend dazu jene Worte, die Verachtung regelrecht herausprusten: Prunk und Pracht, protzen und prassen. Also: Pranger.

Und sicher, der Zeitgeist schickt auch wieder seine Jakobiner zur Öffentlichkeitsarbeit los. Für Konservative mit klassischer Moralvorstellung und klassischer Bildung kann so etwas natürlich nur niveaulos in jederlei hinsicht wirken. Vor der Doppelmoral, ihre eigene Seite pauschal gegen Kritik abzuschotten, unabhängig davon, ob sie zulässig ist, sind aber auch konservative Dichter und Denker nicht gefeit.

Im folgenden möchte ich auf den mir nicht zum ersten mal begegnenden Versuch eingehen, die katholische Kirche der öffentlichen Kritik zu entziehen, in dem der breiten Öffentlichkeit die moralische Legitimität entzogen wird, die umstrittenen Vorgänge zu thematisieren, unabhängig davon, ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht. In dem Zusammenhang werde ich auch einige andere Argumente der Debatte ansprechen, mit denen öffentliche Kritik an der katholische Kirche zurückgewiesen werden soll.

Was jedoch am meisten irritiert: die öffentliche Empörung übersteigt bei weitem den Schaden. Denn der Bischof hat keine Steuergelder veruntreut, Vorwürfe können ihm höchstens seine Kirche und ihre Gläubigen machen. Woher also die Aufregung, die so auffällig fehlt, wenn es um „demokratisch“, also von der öffentlichen Hand geplante Bauwerke geht?

Diese Aufregung gibt es doch auch. Der Hohn und Spott dazu ist gerechtfertig beißend und die öffentliche Projekte bekommen wahrlich ihren fairen Anteil am Spott mit.

“ Es sind nunmal die Adelspaläste, Bischofssitze und Bürgerhäuser, die Europa noch heute prägen, während die Behausungen der kleinen Leute selten ein Menschenleben überdauerten. Sollen wir deshalb auf die Zeugnisse früherer Prachtentfaltung verzichten?“

Ja sicher, die Betonung liegt auf „frühere“. Frühere Prachtentfaltung gehört zur Geschichte. Das Argument greift aber nicht mehr wirklich bei Neubauten oder „Sanierungen“, bei denen die Substanz so stark geändert wird, das es einem Neubau gleichkommt.

„Der Schaden, sofern einer dem Bistum entstanden ist, geht im Grunde weder Politik noch Nichtkatholiken etwas an.“

Wenn sich die katholische Kirche als Privatangelegenheit sehen würde, dann wäre das sicherlich so. Dann würde auch die Kritik nicht so groß sein und lediglich von den grünen Jakobinern ausgehen, die anderen ihre Moralinsäure übergießen wollen.

Die katholische Kirche möchte aber schon gerne die gesamte Gesellschaft prägen, sieht auch in ihrem Auftreten eine wichtige Aufgabe für die gesamte Gesellschaft, die auch nicht-katholiken zugute käme und möchte ihre Sittenvorstellungen gerne so tief in der Gesellschaft verankern, das sie auch für Nicht-Gläubige gesellschaftlich verbindlich sind. Dabei nimmt sie auch Einfluss auf die Politik, um ihre Moralvorstellungen in die Gesetze einfließen zu lassen. Das hat heute zwar nur noch durchwachsenen Erfolg, aber sie probiert es, hatte damit auch viel Erfolg als konservative Religiösität noch Zeitgeist war und noch nicht vom heutigen (grünökosozialen) Zeitgeist verdrängt wurde und bemüht sich öffentlich, wieder zu solche Zuständen zurück zu kehren.

Das kann man so machen. Als Grundrechtsträger darf die katholischen Kirche natürlich versuchen durch ihr öffentliches Wirken die Gesellschaft beeinflussen zu wollen. Bloß, wenn man dem öffentlichen Raum seine Moralvorstellungen aufdrängen will (auch mit Hilfe der Gesetze, zum Beispiel durch die Theater- und Rundfunkzensur am Karfreitag), dann muss man sich auch der Kritik der Öffentlichkeit, im Sinne der gesamten Gesellschaft und aller ihrer Mitglieder, nicht nur der Gläubigen, stellen.

„Womöglich speist sich also die allgemeine Erregung aus tieferen Quellen, was so sprechende Worte wie „Protz“ und „Prunk“ nahelegen. Sie lassen vor unseren Augen ein Sittengemälde entstehen, in dem Klerus und Adel enthemmt verprassen, was das Volk mit Fleiß erschaffen hat.“

Was ja auch eine gar nicht so falsche Vorstellung ist.

„Und so führen sich all die Empörten und Selbstgerechten auf wie weiland im 18. Jahrhundert die Jakobiner, die im Namen der Tugend zum Tyrannensturz aufrufen.“

Deswegen muss man aber nicht gleich ins andere Extrem abdrifteten. Nur wenn katholische (und andere) Bischöfe öffentlich die Gesellschaft und gesellschaftliche Gruppen an ihrer Moral messen, dann muss sich natürlich auch die katholische Kirche öffentlich an der Moral anderer messen lassen. Warum auch nicht? Wer die Gesellschaft von seiner Morallehre überzeugen will, der muss sich auch der Kritik stellen. Mit den Jakobinern, die anderen nur eine andere Moralinsäure mit brutaler Gewalt aufzwingen wollten, hat das nichts zu tun, im Gegenteil. Es hat etwas mit dem Vermeiden von Doppelmoral zu tun.

Man stelle sich ein mal vor grün gesinnte Vegetarier würden, aus rein privaten Finanzmitteln und ohne staatliche Unterstützung, sich eine Luxuseinrichtung (sei es eine Vegetariermensa, sei es ein Öko- und Vegetariermuseum) hinstellen. Würde vielleicht noch recht wenige stören. Wobei sich einige auch dann schon über den Ökofimmel lustig machen würden. Auf Nachfrage aber würde man besonders teure Luxuseinrichtungen öffentlich mit der Notwendigkeit rechtfertigen, man müsse das Vegetariertum schließlich angemessen repräsentieren, das mit seinem öffentlichen Eintreten für bescheidene Zurückhaltung beim Konsum und Nachhaltigkeit eine öffentlich wichtige Funktion warnähme. Natürlich wäre das ihre Privatsache, in dem Sinne, das es eine rechtliche rein private Aktion wäre. Aber natürlich würde es auch öffentlich geäußerte Kritik daran geben, gerade auch aus der konservativ-katholischen Ecke, welche den grünen Zeitgeist kritisiert.

Und nun stellen Sie sich vor, es wäre gar keine Vegetariermensa und auch kein Ökomuseum, sondern der Wohnsitz eines Ökoapostels. Und dieser Wohnsitz würde nun mit der notwendigen Repräsentation des Ökologismus in der Öffentlickeit gerechtfertigt. Ok, persönliche Hybris, ginge mich nichts an, könnte man sagen. Und es würde trotzdem bei Gelegenheit gerade auch von konservativen und auch liberalen Kritikern des grünen Zeitgeistes herausgestellt werden, wenn dieser Ökoprediger ansonsten anderen gerne öffentlich moralische Anwürfe macht und an den Pranger stellt.

Und jetzt stelle man sich noch einmal vor, dieser ohne staatliche Mittel errichtete Wohnsitz eines Ökoapostels wäre aus Zuwendungen aller Art, wie Spenden und Erbschaften, an eine Ökoorganisation, die in der Öffentlichkeit das Bild ihres positiven Wirkens für die Allgemeinheit verteidigt, finanziert worden. (Ob das nun innerhalb der letzten Jahre oder Jahrzehnte erworbene Mittel sind oder teilweise jahrhundertealte Zuwendungen macht da nicht so den Unterschied.) Rechtfertigung: Das sei notwendig für eine wichtige öffentliche Aufgabe, nämlich die öffentliche Repräsentation des Ökologismus.

Und jetzt haben wir das Thema der öffentlich Diskussion um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst zur Kenntlichkeit verzerrt.

Eine andere Frage ist, ob dieser Tatbestand den hier tatsächlich so vorliegt, wie es die Medien größtenteils darstellen. Das kann man natürlich bezweifeln, genügend Grund zum Misstrauen gibt es ja. Das steht aber auch auf einem ganz anderen Blatt als der Versuch, die katholische Kirche unabhängig von der Korrektheit der Vorwürfe pauschal gegen Kritik abzuschotten.