Dem ursprünglichen Feminismus ging es um Gleichberechtigung und darum Nachteile für Frauen abzubauen. Gut, er was damals eine ziemliche Klassenveranstaltung, aber im ging es um Gleichberechtigung und den Abbau von Nachteilen für Frauen, nicht um eine Gleichmacherei oder eine unbedingte statistische Gleichverteilung auf allen Gebieten. Spätestens beim Thema Gebären und den damit verbundenen Folgen wäre dies ja auch für jeden sichtbar offenbar unmöglich gewesen. Letzteres bestreiten auch heute niemand, wenn auch die Folgen heutzutage heruntergespielt und der Gesellschaft vorgeworfen werden.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trat jedoch John Money, ein Psychologe, in den 50ern mit der Hypothese in die Öffentlichkeit, das soziale Geschlecht (später gender genannt) sei lediglich durch die Erziehung bestimmt und bis zum alter von 3 Jahren noch nicht richtig ausgeprägt und daher durch Erziehung frei formbar. Als Indiz führte er Menschen an, die körperlich keinem biologischen Geschlecht (sex) genau zugeordnet werden konnten, aber trotzdem eine klare Neigung zu einer Geschlechterrolle hatten. Natürlich ist heute klar, dass man beim biologischen Geschlecht zwischen körperlichem Geschlecht und genetischem Geschlecht unterscheiden müsste, das dies natürlich nicht immer korreliert, sondern nur meistens, und Entwicklungsfehler natürlich immer passieren können. Und auch zwischen biologischem Geschlecht (wenn genetisches und körperliches gleich sind) und dem „gefühlten“, wenn man so will emotionalen Geschlecht, dem sich jemand zugehörig fühlt, kann es eine Differenz geben. Dies muss aber nicht statistisch vom genetischen Geschlecht entkoppelt sein, auch wenn sich das körperliche Geschlecht nicht eindeutig herausgebildet hat. Es ist noch kein Beleg für eine reines Determinieren des gesellschaftlichen Geschlechtes durch die Erziehung.

Also zurück zu John Money, der natürlich auch versucht hat seine Theorie zu belegen. Auch nach ihm gab es noch Versuche dazu. Um es kurz und verharmlosend auszudrücken: Die Ergebnisse waren unschön. Die gilt in zweierlei Hinsicht: Zum einen ergaben die hierzu durchgeführten Experimente nicht die gewünschte Bestätigung. Zum anderen waren die Auswirkungen für die betroffenen Opfer dieser Experimente, und Opfer muss man die Betroffenen hier schon nennen, belastend bis grauenhaft. Im schlimmsten Falle, ausgerechnet John Moneys Menschenversuch, katastrophal: Am Ende stand der Selbstmord. Ob dieser durch das Experiment verursacht wurde ist zwar sehr strittig. Die dadurch entstandene psychische Belastung und sein Leiden sind aber unstrittig. Seine Mutter geht davon aus, dass durch diese Belastung sein Selbstmord zumindest gefördert, seine Psyche quasi geschwächt wurde.

Beweise für die Gender-Lehre gibt es bis heute nicht, aber Anzeichen dafür, dass ein nennenswerter Teil der Verhaltensunterschiede sehr wohl vom biologischen Geschlecht mitgeprägt wird. Vermutlich in einer gar nicht mal so der gesellschaftlichen Prägung untergeordneten Größenordnung. Natürlich meint dies nicht, dass jetzt einem Geschlecht konkrete, kulturelle Moden und ähnliche Details in den Genen liegen würden. Sehr wohl aber grobe Neigungen und auch dies natürlich nicht im Einzellfall, sondern statistisch. Ich habe dies in meinem ersten Beitrag zu dieser Reihe näher ausgeführt, auch um die nötigen Hintergrundinformationen (und die dafür sprechenden Indizien und Belege) zum Verständnis und zum Beleg der Aussagen in diesem Beitrag zusammenzufassen.

Die Gender-Lehre wurde jedoch trotz alledem vom Gleichheitsfeminismus aufgegriffen und kritiklos übernommen. Und quasi zum Dogma erhoben. Wehe sie widersprechen der Lehre Simone de Beauvoirs, eine Vorreiterin des Gleichheitsfeminismus, in der Nähe einer ihrer Anhängerinnen oder auch Anhängers. In diesem Zusammenhang ist nochmal darauf hinzuweisen, dass Gleichheit und Gleichberechtigung zwei unterschiedliche Begriffe sind: Bei Gleichberechtigung geht es um den Maßstab, der für alle gleich seien soll; bei Gleichheit kann es, je nach Kontext, um das Postulat gehen, dass es keine (statistischen) Unterschiede gebe; hier meint Gleichheit es gebe (außer zwischen Geschlechtsakt und Ende der Stillzeit) keine von der menschlichen Natur (im Gegensatz zur Gesellschaft) mitbestimmten Unterschiede.

Diesem Gleichheitsfeminismus stand durchaus ein sogenannter Differenzfeminismus gegenüber. Letzterer hat eine Verschiedenheit der Geschlechter angenommen. Ob nun aufgrund biologischer Ursachen oder weil man die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlechtsunterschieden nicht komplett verdammt hat. Dies geschah nicht immer in einer aufgeklärten Weise, denn nun war das weibliche Geschlecht auch gerne schon einmal das bessere Geschlecht und das Ziel des Feminismus solle das Matriarchat sein. Natürlich blieben diese beiden Strömungen nicht dauerhaft komplett getrennt, man hat sich durchaus gerne auch mal beim anderen bedient, wenn es auch immer noch Extremvertreterinnen gibt, die sich gegenseitig attackieren.

Heute hat sich daraus eine Strömung herausgebildet, die weitestgehend dem Gleichheitsfeminismus entspringt und sich bei ihm in der Grunddogmatik bedient, aber durchaus bereit ist Anleihen beim Differenzfeminismus zu nehmen, wenn es aufgrund der Faktenlage oder des Vorteils beim theoretischen Untermauern gestellter Forderungen notwendig ist.

Ich nenne diese Strömung vereinfachend „Genderfeminismus“.

Ohne den ganzen Vorlauf in diesem Artikel lässt sich der Genderfeminismus bzw. seine Anhänger grob wie folgt skizzieren:

  1. Laut Genderfeminismus würden Frauen sich tendenziell in ihrem Verhalten und Charakter von Männern unterscheiden und wegen diesen Unterschieden benachteiligt. Das ein (statistischer) Unterschied im Verhalten und Charakter vorliegt glauben nicht nur Feministen. Ich habe, um darauf hinzuweisen, im ersten Beitrag zu dieser Reihe, extra zu diesem Zweck, Informationen zusammen getragen. Genderfeministinnen gehen aber natürlich davon aus, dass dies vollständig oder zumindest überwiegend gesellschaftlich bestimmt sei. Das hat Konsequenzen:
  2. Ein Geschlecht, das gibt es wie ja folglich eigentlich gar nicht. Gut, das biologische Geschlecht lässt sich nicht leugnen. Das hat aber fast nur bei der Fortpflanzung Relevanz und auch hier fast nur auf der physikalischen Ebene. Das meiste folge jedoch gesellschaftlicher Konstruktion. Wie definiert man dann aber das soziale Geschlecht „weiblich“? Nun, ganz einfach: Frau ist ein gesellschaftliches Konstrukt, dass genau diesem Ziel der Diskriminierung diene und folglich auch darüber definiert wird. Diese Ansicht muss man erst einmal ein Weilchen einwirken lassen, um dann die ganzen Implikationen dieses Postulates zu verstehen. Frau bzw. weiblich wird von Genderfeministinnen über die Diskriminierung definiert! Auch dies wird im Fernsehen so nicht verdeutlicht. Auch nicht in Artikeln auf Zeit-Online.

Das es statistische Unterschiede im Verhalten zwischen den Geschlechtern gibt habe ich bereits im ersten Teil dieser Serie ausgeführt und insbesondere auch die Indizien angeführt, die auf einen kausalen Zusammenhang mit dem biologischen Geschlecht (indirekt über den Hormonhaushalt) hindeuten. Um auf diese Hintergrundinformationen und die Belege dazu hier an dieser Stelle verweisen zu können habe ich ihn geschrieben. Und natürlich können unterschiedliche Verhaltensweisen und unterschiedliche Charaktereigenschaften zu unterschiedlichen Ergebnissen in Wirtschaft und Gesellschaft, als auch auf dem Arbeitsmarkt und bei Lohnverhandlungen führen. Für Nichtfeministen sind die statistischen Unterschiede daher nicht unbedingt auf Diskriminierung zurückzuführen (wobei die Lohnunterschiede bereinigt auch gänzlich minimal sind und höchstens (!) 8% betragen, wie Daten des statistische Bundesamtes aufzeigen). Ein anderes Verhalten führt legitimerweise zu anderen Ergebnissen, auch wenn dieses Verhalten mit dem Geschlecht korreliert. Dafür können ja andere nichts (aus genderfeministischer Sicht schon, hier liegt der Unterschied, aber dazu später). Daraus ergibt sich nicht, dass sich zwei Personen, die sich gleich Verhalten und weitestgehend gleiche Charaktereigenschaften haben nur wegen unterschiedlichen Geschlechtes ungleich behandelt würden. Bei unterschiedlichem Körperbau spielt bei körperlicher Arbeit aber natürlich auch noch die körperliche Konstitution eine Rolle. Auch diese korreliert (unstrittiger Weise ohne das jemand etwas dafür kann) mit dem Geschlecht. Hier heraus folgt nicht, dass Frauen gesellschaftlich diskriminiert wären, denn das eine Frau mit gleicher körperliche Konstitution nicht diskriminierungsfrei angestellt würde ist hiermit ja nicht belegt.

Nach genderfeministischer Sichtweise haben wir es aber bei diesen Folgen unterschiedlicher Verhaltensweisen mit Diskriminierung zu tun. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen stammten nämlich samt und sonder von einer gesellschaftlichen Ungleichbehandlung im Kleinkinder und Säuglingsalter (und auch noch danach). Man rufe sich in Erinnerung: Weiblich ist über die Diskriminierung und gesellschaftliche Ungleichbehandlung definiert, folglich die Eigenschaft “weiblich” also erst dadurch entstehe.

Da ist natürlich die Annahme statistisch unterschiedlicher Verhaltensweisen eine logische Folge der Definition von Frau und “weiblich”. Aber mehr noch: Auch das für diese unterschiedlichen Verhaltensweisen die Gesellschaft die Verantwortung trägt folgt aus der Definition. Es handelt sich bei “weiblich” quasi um eine von der Gesellschaft zugefügte Behinderung, für welche diese nun Ausgleich zu leisten habe. Unter anderem in dem die Gesellschaft angebliche und tatsächliche Vorteile aus dieser “Behinderung” gefälligst mehr zu schätzen und offiziell zu würdigen habe, quasi als Ausgleich und psychologische Aufmunterungsmaßnahme für Frauen (man rufe sich noch einmal die Definition in Erinnerung: Frau = durch ihre Erziehung und die Gesellschaft im geistig gesunden Aufwachsen geschädigtes Wesen).

Es gibt noch einen dritten Punkt durch den sich Genderfeministinnen meiner Erfahrung nach kennzeichnen:

  1. Sie leugnen ihre Ansicht. Oder stellen diese zumindest immer so da, wie es beim aktuellen Publikum voraussichtlich am besten ankommt. In Talk-Shows und auf Veranstaltungen für Nicht-Feministen reden Genderfeministinnen ganz anders und in Zeitungsartikeln für Nichtfeministen wird anders geschrieben als in Aufsätzen, die sich nach Sprache und Duktus an andere Feministen richten. Auch Frau Schwarzer ist hierfür ein Beispiel. In Talkshows redet Frau Schwarzer nicht nur moderater, sondern teilweise im Gegensatz zu ihren Ausführungen in der Emma, die sich aber überwiegend nur Feministinnen durchlesen oder einige wenige, die zu viel Zeit haben oder hatten und sich diese Texte mal persönlich angetan haben (so wie ich). Es ist ein bisschen wie bei einer Sekte: Innen- und Außendarstellung gehen stark auseinander, auch wenn in diesem Fall nicht mit Copyright und Nötigung gedroht wird, um die unliebsamen internen schreiben zu unterdrücken (wie es bei gewissen Sekten der Fall ist), sondern die Tatsache ausreicht, dass sich Texte von Feministinnen für Feministinnen wegen ihres Schreibstils kaum ein Nichtfeminist antut.

Das ist auch verständlich, denn wenn man sich die genderfeministischen Postulate mal näher anschaut, dann wirken sie nicht gerade respektvoll gegenüber „weiblichen Eigenschaften“, deren Vorteile, wo man solche sieht, nur mit staatlicher Unterstützung zur Geltung kommen könnten. Und auch instinktiv ist das alles wenig überzeugend auf die meisten Zuhörer. Das diese Postulate tatsächlich nicht sehr stichhaltig sind, habe ich in meinem ersten Beitrag zu dieser Serie bereits belegt.

Der Genderfeminismus bietet jedoch die perfekte theoretische Grundlage, um Privilegien zu fordern und Lobbyarbeit zu rechtfertigen. Vermutlich deshalb hält er sich noch. Denn eigentlich ist die Genderlehre, die eine bedeutende Grundlage des Genderfeminismus darstellt, immer mehr von neueren Erkenntnissen überholt. Und das gesellschaftliche Klima, natürlich nicht das Klime in der veröffentlichten Meinung, sieht ein ignorieren von Unterschieden eigentlich immer kritischer. Nur in unserer politmedialen Elite ist das noch nicht ganz angekommen.

„Die Frauenbewegung ist der Beweis, dass nichts so tot und leer ist wie eine Idee, die von der Zeit überholt wurde.“ schreibt der (linke) Historiker Stefan Sasse in einem lesenswerten Beitrag beim Oeffinger Freidenker („Mal was Grundsätzliches… zum Feminismus“; höchste Leseempfehlung). Er führt darin auch aus, und zwar in einer überzeugenden Art und Weise, bei der es sich nicht um klassenkämpferische Rhetorik handelt, wie man vielleicht angesichts eines linken Historikers meinen könnte, wie sehr der Feminismus, insbesondere auch mit seiner Forderung nach einer Frauenquote, eine Klassenveranstaltung für ein überschaubares Klientel ist. Wie der von Feministen betriebene Lobbyismus nur einer ganz kleinen Klientel zu gute kommt, während er anderen im besten Falle nichts nützt und im schlimmsten Falle schadet, ja eigentlich sogar allen anderen unter dem Strich schadet, und zwar auch innerhalb der akademischen Schicht, werde ich in meinen nächsten Beiträgen zu dieser Reihe ergänzen.

Doch tot ist der Genderfeminismus ganz bestimmt nicht. Und zwar gerade weil er auch einem Kampf um staatliche Privilegien dient. Und wenn der Genderfeminismus als solcher seinen Zenit überschritten hat, dann tritt an seine Stelle halt ein Post-Gender-Lobbyfeminismus, der biologische Faktoren anerkennt – und dann gerade hieraus Lobbyforderungen aus Kosten anderer ableitet, in dem prestigeträchtige oder einkommensstarke Berufe, in denen Männer stärker vertreten sind, in der Diskussion zu reinen Futtertrögen der Macht herab qualifiziert werden, die man aus Gründen der Gerechtigkeit doch bitte teilen solle. Der Kampf um gesetzliche Privilegien gerät nie aus der Mode. Das passt immer in die Zeit.